Genitalverstümmelung

12.01.2009. 9 Uhr. Wie jeden Montagmorgen sitzen wir mit dem Leitungsteam zur „Großen Lage“ zusammen. Alle Abteilungen berichten über die momentane Situation sowie Problemstellungen. Gemeinsam suchen wir nach Lösungen und erstellen einen Aktionsplan für die Woche. Wir diskutieren über Kinderarbeit und Kinderhandel in Sierra Leone sowie über unseren Sexualunterricht für die Straßenkinder. Plötzlich hören wir Frauenschreie.

Ich zucke zusammen und ein Mitarbeiter gibt mir zu verstehen, dass heute beim Nachbarn die Mädchenbeschneidung stattfindet. Dabei werden weibliche Geschlechtsteile teilweise oder ganz entfernt. Ich stehe auf und möchte nachschauen, was genau vor sich geht. Als ich von unserer Veranda zum Nachbarn rüber schaue, sehe ich eine Reihe von zehn- bis dreizehnjährigen Mädchen, die sich vor Beginn oder während der Pubertät befinden müssen. Ein Mitarbeiter, Mustafa, ist mir gefolgt, sah mein Entsetzen im Gesicht und erklärte mir, dass die Eingriffe mit starken Schmerzen verbunden sind und schwere physische und psychische Schäden verursachen.  Mir fällt der deutsche Begriff der „Genitalverstümmelung“ ein. Ich nehme wahr, dass ich innerlich aggressiv werde. „Das ist Tradition“, antwortet Mustafa auf meine Frage nach dem „Wieso“. Nicht beschnittene Mädchen riskieren, sozial ausgegrenzt zu werden. Mustafa scheint ein „aufgeklärter Mann“ zu sein, da er mir zu verstehen gibt, dass es sich hier nur um die Kontrolle und Unterdrückung der weiblichen Sexualität geht. Der zukünftige Geschlechtsverkehr wird für die Frau umständlich und schmerzhaft gemacht. Die Beschneidung dient dazu, die Treue der Frau in der Ehe sicherzustellen. Frauen erleben nach der Beschneidung Geschlechtsverkehr als sehr schmerzhaft.

Immer wieder hören wir die Schreie. Es müssen unglaubliche Schmerzen sein. Ich erstarre. Mustafa sieht und weiß, was in mir vorgeht. „Die Muslime glauben, die Beschneidung sei eine religiöse Sache. Aber im Koran steht weder etwas von der weiblichen noch von der männlichen Beschneidung“. In Sierra Leone leben mehr als 70% Muslime. Im letzten Jahr wurde die Praxis der Genitalverstümmlung im Parlament nach einer Debatte weiter für gut befunden und steht nicht unter Strafe, im Gegensatz zu vielen anderen muslimischen Ländern. Bei der parlamentarischen Aussprache mussten Journalisten das Parlament verlassen. Mein Freund und sierra leonische BBC-Reporter Umaru Fofanah erzählte mir am Abend am Telefon, dass viele Politiker Angst um ihre politische Karriere haben, wenn sie sich dagegen aussprechen. - Mustafa steht noch immer neben mir. Es scheint, dass er mir die Hand reichen will. Er scheint zu wissen, dass ich mehr über die Verstümmlung von jungen Frauen erfahren will. „Zur Beschneidung werden Rasierklingen und Glasscherben benutzt und das ganze findet ohne Narkose statt“. Unter sehr unhygienischen Bedingungen werden die Instrumente für alle Frauen verwendet, was das Infektionsrisiko stark erhöht. Wir kehren zurück in den Konferenzraum, wo die anderen Mitarbeiter/innen auf uns gewartet haben. Mir schießt nur noch durch den Kopf: „Was tun?“.

Nach Angaben von UNICEF ist diese Praxis in Sierra Leone flächendeckend verbreitet: fast alle Mädchen und Frauen zwischen 15-49 Jahren sind beschnitten. Je jünger die Mädchen sind, desto geringer ist zum einen ihr Kenntnisstand, zum anderen können sie sich nicht gegen den Eingriff wehren oder sich ihm gar entziehen.